Hintergrund

Schweizer Premiere: Die Universität Luzern präsentiert im Rahmen der Ausstellung «Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg» im Südpol das Tanztheater «Die vergessenen Befreier».

Wie ist es möglich, sich aktiv am historischen Prozess zu beteiligen, wenn man gleichzeitig das Objekt dessen Ausgrenzung ist?

Fragen wie diese finden in Europa kaum Gehör, denn sie fordern dazu auf, verdrängte Bilder der Kolonialherrschaft im kollektiven Gedächtnis wachzurufen. Gleichzeitig wächst in Europa die Integrationsproblematik der zweiten und bereits dritten Generation der MigrantInnen. Gerade diese Jugendliche suchen nach Antworten, denn sie sind tagtäglich mit den Schwierigkeiten des multikulturellen Zusammenlebens in Europa konfrontiert:

Wie soll man sich integrieren und Teil einer Gesellschaft werden, wenn diese die historische Bedeutung ihrer Vorfahren nicht anerkennt?

Die Theatergruppe Compagnie Mémoires Vives hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Ein Projekt der Compagnie ist das Tanztheater «Die vergessenen Befreier». Der Initiator heisst Yan Gilg. Er ist Sozialarbeiter und Hiphopkünstler. Gilg erfuhr per Zufall von der Teilnahme der Kolonialsoldaten in den Weltkriegen. Gilgs Neugier war sofort geweckt: Wie war es möglich, dass er in der Schule nie etwas zu diesem Thema gehört hatte? In Gilg reifte die Idee, ein Theaterstück zu schreiben: „Als Weisser mit elsässischen Wurzeln habe ich erst durch die Arbeit an dem Stück verstanden, dass die afrikanischen, arabischen und asiatischen Soldaten auch meine Vorfahren sind – nicht meine biologischen, aber doch meine historischen.“ Gilg eignete sich die Fachliteratur zum Thema an und recherchierte in Archiven des Französischen Verteidigungsministeriums. Er fand historische Fotografien, Filme und Schriftdokumente, die er als Visuals in seiner Inszenierung einsetzte. Er wandte sich an französische Historiker, die ihn in den kritischen Umgang mit Quellenmaterial einführten. Neben der historischen Recherche, musste Gilg eine geeignete Sprachform für seine Musikkomposition finden. Gilg entschied sich für die Hiphop-Performance. Hiphop ist die Kultur der MigrantInnen in Europa und deren Kinder. Gilg: „Hiphop ist eine Musik, die im Exil geboren wurde. Sie erinnert an die Deportation von Afrikanern nach Amerika und an die afrikanische Migration in Europa. Es ist eine Kultur, die sich aus dem Leid von Bevölkerungsgruppen entwickelt hat, die aus der Dritten Welt stammen.“ Nicht von ungefähr beschloss Gilg deshalb „die Geschichte der Migranten und ihrer Vorfahren mit Hiphop zu erzählen.“

Bei der Rollenbesetzung für «Die vergessenen Befreier» war es Gilg als Sozialarbeiter wichtig, Jugendliche mit Migrantenhintergrund aus den Strassburger Banlieues, „talentierte Menschen, die bisher nicht die Möglichkeit hatten, sich künstlerisch auszudrücken, die Gelegenheit dafür zu bieten.“ Gilg präsentiert einen Querschnitt der Kolonialarmeen der Weltkriege auf der Bühne mit DarstellerInnen, deren Grosseltern aus dem subsaharischen Afrika, aus dem arabisch-berberischen Maghreb und aus Asien nach Frankreich eingewandert waren. Neben Résistance-Kämpferinnen, zwangsrekrutierten Kolonialsoldaten und Fabrikarbeiterinnen, die sich gegen das Vichy-Regime auflehnen, treten auch zeitgenössischen Figuren, wie die französischen Jugendlichen in den brennenden Banlieus auf. In seiner Doppelrolle als Sozialarbeiter und Regisseur beabsichtigte Gilg eine „historische Bewusstwerdung“ in den Darsteller zu wecken, damit sie später ihre Geschichte und die ihrer Grosseltern authentisch dem Publikum erzählen konnten.

Von März 2005 bis Februar 2006 arbeiteten Yan Gilg, die DarstellerInnen und die MitarbeiterInnen der Compagnie gemeinsam am Hiphop-Tanztheater «A nos morts». Der Erfolg blieb nicht aus. Im April 2006 feierte das Ensemble Premiere. Es folgten mehr als 50 Vorführungen allein in Frankreich. Im Februar 2009 wurde das Stück erstmals in Afrika im Rahmen des Theaterfestivals in Rabat aufgeführt. Die Deutschlandpremiere fand in Berlin im September 2009 statt. Darauf folgten weitere Aufführungen in Köln im Oktober 2010. Sowohl das internationale Publikum als auch die französische Regierung reagierten wider Erwarten positiv auf die Stücke. Standing Ovations, Danksagungen, Lob und Respekt wurden der Compagnie entgegen gebracht. Insbesondere die wohlwollenden Reaktionen seitens der französischen Regierung wirken auf Gilg im Nachhinein „zynisch“ in Anbetracht der Tatsache, dass noch viel zu tun ist, um das verdrängte Kapitel der Kolonialgeschichte Europas und die damit zusammenhängende Integrationsproblematik zu thematisieren.

Das Tanztheater mit anschliessender Podiumsdiskussion können Sie exklusiv am Donnerstag, 24. März 2011 um 20 Uhr in Luzern im Südpol sehen. Alle Infos auf der Seite Musical, Reservation der letzten Karten direkt über die Südpol-Website.

Isabelle Haffter, Produktionsleiterin des Musicals

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